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Donnerstag, 23. April 2015

Kriminalitätsreport Limburger Altstadt (4 und Schluss)



Sicherheit ist immer ein heikles Thema, denn es gilt den Spagat zwischen dem bewachten Bürger und dem überwachten zu schaffen. Soll heißen, jede Forderung nach mehr Polizei-Personal und Präsenz birgt die Gefahr, dass sich die Menschen eingeschränkt und überwacht fühlen.
Totale Sicherheit ist nicht möglich, jedenfalls nicht ohne gleichzeitigen Totalverlust aller Bürgerrechte. Wenn alle an allem immer gehindert werden, kann niemand mehr etwas tun. Nichts Böses. Aber auch sonst nichts. Dies gilt es immer zu beachten.
Mehr Polizei muss nicht gleichbedeutend mit Polizeistaat sein. Aber die Gefahr lauert natürlich in den Ecken, insbesondere in Anbetracht der jüngeren Geschichte.
Dies nur als Vorbemerkung zur abschließenden Würdigung der Situation in Limburg.
Trügerisches Idyll
Das Ziel dieser Artikelserie ist es nicht, Ängste zu schüren oder gar eine Panik hervorzurufen. Aber es ist höchste Zeit, einige Probleme und Situationen einmal offen an- und auszusprechen.
Die Limburger Altstadt ist in Sachen Kriminalität sehr viel schlechter gestellt, als allgemein bekannt. Die Statistiken geben nur einen kleinen und unzureichenden Ausschnitt der tatsächlich begangenen Taten wieder. Bezüglich des Sicherheitsgefühls der Geschäftsleute, Bewohner und Besucher sind sie sogar ohne jede Aussagekraft.
Es ist zwar nicht so, dass man in den Gassen der Altstadt zu jeder Tages- und Nachtzeit um Leib, Leben, Hab und Gut fürchten muss. Aber eine erhöhte Wachsamkeit ist schon angesagt.
Will man die Gesamtsituation beurteilen, darf man den Fokus jedoch nicht nur auf die lokale Lage richten. Für ein sicheres Leben und Arbeiten an einem Ort sind nämlich drei verschiedene Parteien (nicht im Sinne von politischen…) verantwortlich.


Das Land Hessen

Die Sicherheit der Bürger ist Landessache. Hinter dieser gesetzlichen Regelung stand die Vorstellung, dass man an jedem Ort des Landes Hessen gleich gefährdet oder eben ungefährdet sein sollte. Keiner durfte die Chance haben, Sicherheit zu kaufen. Wären Strafverfolgung und Prävention eine kommunale Aufgabe, könnten sich die reichen Städte viele Polizisten und damit Sicherheit leisten und in den armen würde die Gesetzlosigkeit herrschen.
Gleiches Recht und gleiche Sicherheit für alle sind eine schöne Vorstellung.
Doch die Entwicklung der letzten 30 Jahren hat dazu geführt, dass Bürger nicht überall gleich gut beschützt werden, sondern dass sie überall gleich gefährdet sind.
Landesaufgabe
Das Desaster begann damit, dass alle Bereiche der öffentlichen Haushalte der Beurteilung durch weltfremde Betriebswirtschaftler unterworfen wurden, die nicht mehr als Gewinn- und Verlustrechnung beherrschten. „Wirtschaftliches Handeln“ war das Totschlagargument. Man stellte fest, dass die Polizei das Land Hessen mehr Geld kostete, als sie in Form von Bußgeldern und indirekt Strafen nach Verurteilung von Straftätern einbrachte. Der einzige Schluss, den man daraus zog, war: Sparen. Streichen, knausern, reduzieren.
Die absurde Vorstellung, Sicherheit sei in irgendeiner Form in einem Jahreshaushalt monetär zu bewerten, dominierte nun alles. Mangels Fantasie und harter Daten (die natürlich nicht erhoben wurden), wurde jeder mittel- bis langfristiger Nutzen einer modernen (inneren) Sicherheitspolitik kurzerhand ignoriert.
Das Resultat ist heute, dass es immer weniger Stellen bei der Polizei gibt. Das Verhältnis von Polizisten pro Tausend Bürger ist seit ewigen Zeiten krass rückläufig. Immer mehr Reviere wurden und werden geschlossen oder in nur teilbesetzte Posten umgewandelt. Die Ausrüstung der Polizei wird zusammengestrichen, der Fuhrpark sowieso. Viele Beamten müssen mit vorsintflutlicher EDV arbeiten, die mehrere Generationen hinterher hinkt.
Für den kleinen Controller im Rechnungshof (sie und ihre Planstellen vermehren sich wie die Fliegen…) scheint nur ein nicht mehr vorhandener Polizist ein guter Polizist zu sein. Haushaltstechnisch.
Beschlüsse werden heute nicht mehr nach Einsatzerfordernissen getroffen, sondern aus undurchschaubaren und in jedem Fall sachfremden Erwägungen. Der letzte Schildbürgerstreich der ganz besonderen Art ist die Idee der Landesregierung, die örtlichen Notrufzentralen zu schließen! Diese sollen in ein paar wenige „Hilfe-Callcenter“ zusammenfasst werden, in denen der Notrufer dann irgend einen Disponenten ans Ohr bekommt, der von dem Ortsteil, in dem er dringend Hilfe braucht, noch nie im Leben etwas gehört hat. Geschweige denn von der Straße oder gar der regional üblichen Bezeichnung.
Rasche Beute
Die Sicherheitspolitik Hessens ist ein erschreckender Amateurzirkus, in dem Fachwissen nicht gefragt ist. Die Polizei und ihre Vertreter sind in einer Zwickmühle. Sie dürfen nämlich beamtenrechtlich nicht das sagen, was sie wirklich wissen und meinen. Sie sind zu einer Vasallentreue verpflichtet und dürfen maximal auf dem Dienstweg das Fingerchen mahnend heben. Um dann ignoriert zu werden.
Die Kriminalstatistik wird so geführt, dass sie eine möglichst hohe Aufklärungsquote ausweist. Immer wieder werden Aktionen durchgeführt, die nur dem Zweck dienen, die Bilanz zu schönen. Fahren ohne Fahrerlaubnis, mit nicht zugelassenem Fahrzeug und Drogen und Alkohol am Steuer sind alles Delikte, bei denen die Aufklärungsrate bei 100% liegt. Oder hat schon mal jemand von einer „ungeklärten Trunkenheitsfahrt“ gehört? Also gibt es immer wieder Kontrollstellenorgien, bei denen die absoluten Fangzahlen im Verhältnis zu den kontrollierten Wagen lächerlich sind. Aber für die „Aufklärungsquote“ sind sie statistisches Gold.
Die Landespolitik ist in erster Linie bemüht, das eigene Versagen und den beharrlichen Rückzug aus der inneren Sicherheit zu kaschieren.
Dem Bürger wird immer wieder erzählt, er sei sicher. Oder es werden ihm sogar Polizisten-Dummies als wandelnde Notrufsäulen präsentiert („Freiwilliger Polizeidienst“), um „das subjektive Sicherheitsgefühl zu stärken“.
Doch warum ist dieses dann immer weniger vorhanden?


Die lokale Politik

Städte sind rechtlich gesehen für die Sicherheit ihrer Bürger sachlich nicht zuständig. Das Ordnungsamt und seine Helfer sind keine Strafverfolger und Verbrechensverhinderer, ganz gleich wie sich der eine oder die andere HIPO auch aufführt.
Bürgermeister, Stadträte oder Amtsleiter sind der Polizei gegenüber nicht weisungsbefugt.
Trotzdem tragen auch sie eine Verantwortung, nämlich eine politische. Die lokalen Behörden und Politiker sind durchaus in der Pflicht, sobald die Sicherheit ihrer Bürger in Gefahr ist. Sie müssen an den zuständigen Stellen aktiv werden und für politischen und öffentlichen Druck sorgen, sobald klar wird, dass das Land seinen gesetzlichen Pflichten nicht mehr nachkommt.
Ohne beständige politische Arbeit auf kommunaler Ebene wird sich nichts ändern. Dazu ist aber Voraussetzung, dass sich Bürgermeister und Verwaltung überhaupt für die Belange der Bürger interessieren und ihre Sorgen und Probleme ernst nehmen.
Es wird eng...
In Limburg sind in dieser Hinsicht leider erhebliche Zweifel angebracht. Wie es scheint, existiert im Bewusstsein der Stadtregenten kein Sicherheitsproblem.
Ich habe bei der Stadt angefragt, ob es ein Sicherheitskonzept für die Limburger Altstadt gibt.
Die Antwort war – gar keine.
Es existiert also für eine Stadt, die sich damit brüstet, jedes Jahr eine gute Million Besucher aller Art zu beherbergen, kein Maßnahmen- und Erkenntniskatalog, der in Zusammenarbeit zwischen den Behörden, Polizei und Betroffenen entstanden wäre und die Belange aller berücksichtigt.
Ohne ein Problembewusstsein werden Lokalpolitiker aber nichts unternehmen. Bemerken sie selbst nichts, muss man sie mit der Nase darauf stoßen – und nicht nur bei kleinen Wahlveranstaltungen mal ein paar Sätze sagen, die dann eifrig mitgeschrieben und vergessen werden.
Die Betroffenen selbst sind aufgerufen, dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen sich darüber bewusst werden, wie es den Menschen in der Stadt geht und welche Sorgen und Ängste sie umtreiben.


Die im Stich Gelassenen

Den betroffenen Bürgern steht ein ganzer Katalog an Reaktionen zur Verfügung, um auf die eigene Situation aufmerksam zu mache. Nur ist dieser den wenigsten bekannt oder es traut sich kaum jemand, tätig zu werden.
Dabei ist es nicht besonders schwer. Man muss sich nur ein wenig Zeit nehmen, es anzugehen.
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, wenn man glaubt, nach Abgabe seiner Stimme hätte man als Bürger keinen Anspruch an seinen Abgeordneten mehr. Aber das Gegenteil ist der Fall. Immerhin vertritt er im Landesparlament genau den Wahlbezirk, in dem er siegte, und die dortigen Bürger dürfen erwarten, dass er ihre Interessen wahrnimmt.
Sobald jemand also ein Problem hat, dessen Ursache auf Landesebene zu suchen ist, wäre „sein“ Abgeordneter der erste Ansprechpartner.
Irrelevant und hilflos
Auf die lokale Situation gemünzt heißt das, jedes Mal, wenn jemand in Limburg Opfer einer Straftat wird und der Ansicht ist, diese sei zu verhindern gewesen, hätte es mehr Polizeipräsenz gegeben oder wäre diese schneller vor Ort gewesen, sollte er dies seinem Abgeordneten mitteilen. Dabei sollte er ihn auffordern, alles zu tun, dass in Zukunft so etwas verhindert wird und er möge doch bitte mitteilen, was er unternommen hat.
Nachrichtlich kann man eine solche Botschaft an den Bürgermeister schicken, mit der dringenden Bitte, gleichfalls politisch aktiv zu werden, um das Land dazu zu bringen, die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten.
Es schadet auch nicht, dem Innenminister, der für die Polizei zuständig ist, mitzuteilen, wenn man mit der Lage unzufrieden ist, in Gefahr war oder zu Schaden gekommen ist. Je konkreter die jeweilige Situation geschildert wird, umso besser. In einem der vorangegangenen Artikel habe ich Bezug auf den Umstand genommen, dass Rettungsdienste innerhalb von 10 Minuten vor Ort sein MÜSSEN, die Polizei aber keiner Regel unterworfen ist. Jedes Mal, wenn es nach der Wahl der 110 länger als 10 Minuten dauert, bis polizeiliche Hilfe eintrifft, sollte man sich also beim Innenministerium darüber beschweren.
Sehr wichtig ist es außerdem, wie bereits erwähnt, dass jede, aber auch wirklich JEDE Straftat angezeigt wird. Die Statistiken dienen in erster Linie als Alibi, nichts zu tun. Doch die erscheinen jährlich und diesen Umstand kann und muss man nutzen. Je höher die Zahl der real unaufgeklärten Taten ist, die in den Jahresberichten erscheinen, desto besser.
Nur wenn der Druck auf die Politik beharrlich erhöht wird und von vielen Seiten kommt, besteht die Chance, dass sich etwas ändert.
Mittel- bis langfristig.
Für die akute Lage ändert dies leider erst einmal nichts.
Gegenwärtig sind die Bürger, Besucher und Geschäftsleute auf sich selbst gestellt.
Ihnen kann man nur einige, generelle Ratschläge geben.
Aufmerksam sein und auf einander aufpassen ist dabei etwas, das von Geschäftsinhaber(innen) erfreulicherweise schon gut praktiziert wird. Der nächste Schritt wäre, die Hemmungen abzulegen und im Zweifel die Polizeilieber einmal zu viel zu rufen als zu wenig. Alles, was verdächtig vorkommt, sollte weiter gegeben werden. Dabei sollte man natürlich nur im akturen Notfall die 110 wählen. Für alle anderen Mitteilungen reicht die 91400, die allgemeine Rufnummer der Polizei in Limburg.
Zusammenschließen, Augen offen halten!
Die wenigen Streifen, die durchgeführt werden, sollte man bei Gelegenheit für Gespräche nutzen, um zu erfahren, was passiert und selbst einen Überblick über die aktuelle Lage zu geben.
Der falsche Ansprechpartner für die Sicherheit sind allerdings die Mitarbeiter des Ordnungsamts und die Hilfspolizei. Diese werden in der Limburger Altstadt ja leider in erster Linie dazu eingesetzt, um Wirte und Geschäftsleute zu gängeln und zu schikanieren, nicht zur Durchsetzung ihrer Rechte und Belange…
Die oberste Regel im Umgang mit Kriminalität heißt für die Betroffenen: Begib Dich nicht in Gefahr. Keine Sache und kein Geld ist es wert, dass man dafür körperliche Schäden oder mehr riskieren sollte. Dinge sind ersetzbar. Leben und Gesundheit nicht.
Gäbe es eine ernstzunehmende Organisation für die Geschäftsleute der Altstadt, wäre über diese einiges zu erreichen. Ein Zusammenschluss der Gefährdeten könnte Vorträge, Informationsveranstaltungen und Seminare organisieren, bei denen ECHTE Fachleute mit Betroffenen das richtige Verhalten erörtern und üben könnten. Es gibt Beratungen durch die Polizei auch für Geschäftsleute und sehr kompetente, private Veranstalter, die sich auf die Sicherheit von Unternehmern spezialisiert haben. Diese könnten Präventions- und Ernstfallschulungen anbieten.
Darüber hianus könnten sich die Organisierten mit anderen Netzwerken in Städten austauschen, die eine ähnliche Sicherheitslage haben und über dortige Strategien informieren und selbst die eigenen Erfahrungen einbringen.
In vielen Städten gibt es „Pro Polizei“-Vereine, die sich mit genau diesen Themen befassen. Eventuell wäre die Gründung einer solchen Organisation auch für Limburg eine Idee.
Sicherheit in Limburg war lange Zeit kein Thema. Doch interessanterweise scheint es gelungen zu sein, die Öffentlichkeit in der letzten Zeit für diesen Komplex mehr zu interessieren. So befasste sich unlängst ein größerer Artikel in einer lokalen Zeitung mit Einbruch und den professionellen Banden, die oft genug dahinter stecken. Vielleicht hatte das ein klein wenig mit dieser Artikelserie zu tun…
Was bleibt als Fazit?
Die Sicherheit der Limburger Altstadt ist ein Problem, das bislang beharrlich ignoriert wurde.
Jeder ist aufgerufen, seinen Beitrag zu leisten, dass die Lage besser wird. Die Betroffenen. Aber in erster Linie die zuständigen Politiker.

Ich werde weiter beobachten und berichten…

Montag, 13. April 2015

Kriminalitätsreport Limburger Altstadt (3)




In den ersten beiden Teilen dieser Reportage stand die Sicherheit der Geschäftsleute im Zentrum. Doch es gibt in der Limburger Altstadt noch andere Menschen, auch wenn dies von der Lokalpolitik nur zu gerne ignoriert wird. Die Anwohner sind von den Gefahren, die von Kriminellen ausgehen, nicht weniger betroffen als die Inhaber und Angestellten der Läden. Wie bereits ausgeführt, ist Limburg in den letzten Jahren vermehrt ins Blickfeld von mobilen Clans geraten, deren Mitglieder als Fachkräfte für spontanen Eigentumstransfer zertifiziert sind. Bei ihren Deutschland-Rundreisen machen diese familiär organisierten Verbrecherbanden in der Regel in Köln Halt, wo sie die Innenstadt heimsuchen. Bei der Weiterfahrt Richtung Süden liegt Limburg praktischerweise am Weg...
Ziel ist dabei immer nur eins: Beute. Bevorzugt werden Bargeld, EC-Karten sowie alle Arten von Schmuck und kleine, leicht zu veräußernde Wertsachen gesucht. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, auch gerne in Häusern und Wohnungen.
Beste Deckung im Trubel
Die engen Straßen der Altstadt und die Architektur kommen in Limburg den Tätern entgegen. Verwinkelte Zugänge machen es leicht, sich unbemerkt  Zutritt zu verschaffen. Dazu kommt, dass an vielen Häusern die historisch korrekten Türen heutigen Sicherheitsstandards kaum genügen. Oft haben sie außen Klinken und werden tagsüber nicht abgeschlossen. Manchmal stehen sie auch einfach auf. Man ist ja im Haus oder in der Nähe, die Nachbarn sind da und schauen, was kann da schon passieren? Alles. Ist einer der Gangster erstmal im Haus, geht es ganz schnell.
Alleine in der unmittelbaren Umgebung meines Wohnorts am Rossmarkt waren in den letzten Jahren wenigstens sieben Diebstähle aus Häusern zu beklagen. Dabei genügten in vielen Fällen ein oder zwei Minuten, in denen das Erdgeschoss unbewacht war. Zwei der Opfer überraschten die Täter(innen), doch nur einmal gelang es, jemanden dingfest zu machen. Im anderen Fall verfolgte der Betreffende die beiden Männer, die er in seinem Haus überrascht hatte und rief per Handy die Polizei. Doch von dort musste man ihm mit Bedauern mitteilen, dass man nicht eine einzige Streife übrig hatte…
Neben diesen vollendeten Taten ist mir eine große Zahl von Fällen bekannt, in denen potentielle Einsteiger rechtzeitig vertrieben wurden. Viermal beobachtete ich selbst auf meiner Treppe verdächtige Gestalten, die bei meinem für sie überraschenden Auftauchen nach „Freund Ramon“ suchten. Der hier wohnen soll. Oder auch nicht?
Allerhöchste Aufmerksamkeit ist in jedem Fall gefragt, wenn sich am Vormittag junge Männer durch die Altstadt bewegen, die (leere!) Sporttaschen am Tragegurt über der Schulter haben und mit raschen Blicken die Häuser und Eingänge scannen. Die Gefahr besteht, dass es sich dabei um eine ganz besondere Art von Touristen handelt.
Die betreffenden Diebes-Clans sind nicht auf eine bestimmte Art des Vorgehens spezialisiert, sondern entscheiden spontan. Mitglieder ein und derselben „Handelsorganisation“ können eben noch als Einbrecher auftreten, um im nächsten Augenblick schon in einem Geschäft als Kassenmarder tätig zu werden, während Brüderchen und Schwesterchen als Trickdiebe in den Gassen zuschlagen.
Nicht nur Anwohner und Geschäftsleute sind dabei das Ziel. Auch die von der Stadt am meisten hofierte Gruppe, die Touristen, wird in Sachen Sicherheit sich selbst überlassen. Unbewachte Taschen von Kunden, leicht zugängliche Geldbörsen in der Jacke oder im Rollator sind mit einem schnellen Griff verschwunden und vor allem rasch an andere Bandenmitglieder weitergegeben. Gleichfalls beliebt sind vorgebliche Spendensammlungen, bei denen sofort ein Ablenkungsmanöver gestartet wird, sobald jemand unvorsichtigerweise die Börse zückt. Wenn auffällt, dass die Scheine dann fehlen, ist es zu spät.
Ramon wohnt hier nicht
Die Beutezüge dieser mobilen Gruppe haben Saison. Sie sind in unsere Region bevorzugt in den Sommermonaten unterwegs, wenn die überfüllten Gassen gute Deckung geben und eine reiche Auswahl an Opfern präsentieren. Die andere hohe Zeit der Eigentumsdynamik liegt um Weihnachten, wenn nicht weniger Menschen in der Dunkelheit unterwegs sind und die Taschen voller Geld haben.
Gewalt steht bei den Mitgliedern dieser Banden nicht an erster Stelle der Jobbeschreibung. Man präferiert beim Auffliegen leichtathletische Talente und gibt Fersengeld. Das bedeutet aber nicht, dass im Fall eines Falles nicht doch zugschlagen würde, um die Flucht zu ermöglichen. Oder, so man der diebischen Weiblichkeit habhaft wird, gebissen, gekratzt und gespuckt.
Gefahr für Leib und Leben geht von reisenden Diebesbanden trotzdem eher wenig aus. Das bedeutet aber nicht, dass beides in Limburg besonders sicher wäre.
Die beunruhigendste Zahl im aktuellen Kriminalreport betrifft die Raubstraftaten. Diese weisen eine Steigerungsrate von über 60% auf. Die absoluten Fallzahlen sind dabei für den Bereich der Altstadt (noch) nicht besonders hoch, aber die Tendenz ist unverkennbar. Und jede einzelne Tat führt zu einer wachsenden Angst und der Frage: Fühle ich mich Nachts in den Straßen meiner Stadt denn noch sicher?
Verfolgt nur, was sie erfährt. Manchmal.
Bei vielen Altstadtbewohnern ist das nicht der Fall. Doch das liegt nicht in erster Linie an den bekannt gewordenen Fällen von Straßenraub. Bei meinen Gesprächen mit Betroffenen kristallisierte sich recht schnell ein ganz anderer Brennpunkt heraus, der erhebliche Sorgen bereitet. In der Nähe der alten Lahnbrücke gibt es ein Haus in städtischem Besitz, das als Unterkunft für Bürger genutzt wird, von denen sich leider ein nicht unerheblicher Teil immer wieder im Umgang und in der allgemeinen Weltsicht als weniger sozialwillig und -fähig darstellt. Die sehr öffentliche Lebensführung einiger dort Wohnender wird von einer nicht geringen Anzahl der Nachbarn als tendenziell störend empfunden. Die Debattierfreudigkeit einiger Protagonisten wird darüber hinaus sehr gerne und schnell körperlich kanalisiert und die Angst Unbeteiligter, dazwischen zu geraten, ist groß. Verstärkt lässt man auch seiner allgemeinen Verachtung für alles, was Eigentum anderer ist, freien Lauf und demoliert, was gerade greifbar ist. Unlängst wurde so eins der bekanntesten Altstadthäuser, das Ziel täglicher Touristenführungen ist, massiv beschädigt. Zum wiederholten Mal.
Die wenigsten der Taten werden angezeigt, da „es ja sowieso nichts bringt“ bzw. Täter und Opfer (im Fall von Schlägereien) meistens aus derselben Gruppe kommen. Daher weiß die Kriminalstatistik davon kaum etwas zu berichten. Hier dürfte damit direkt am Rand der Altstadt der Hort der höchsten Dunkelziffer in Sachen Straftaten zu finden sein.
Eine Betreuung bzw. Kontrolle der besagten Wohneinrichtung scheint entweder nicht stattzufinden oder nur unzureichend zu sein. Wohin das am Ende führen kann, zeigt ein Blick in eine ganz andere Rubrik der Straftaten. Der Tatort eines der wenigen Tötungsdelikte in der Domstadt im vergangenen Jahr war genau am besagten Ort…

Im vierten und letzten Teil des Kriminalreports Limburger Altstadt werde ich mich an einer zusammenfassenden Würdigung der Situation, Perspektiven, Aussichten und Lösungen versuchen und mit den Stellungnahmen der Verantwortlichen befassen.

Sonntag, 5. April 2015

Kriminalitätsreport Limburger Altstadt (2)

KASSE MACHEN!

Ingeborg (Name geändert) schläft schlecht und hat Alpträume. In ihrem Laden in der Limburger Altstadt fühlt sie sich nicht mehr wohl. Sicher schon gar nicht. Bevorzugt hält sie sich im vorderen Teil des verwinkelten Fachwerkhauses auf. Denn von dort kommt sie am schnellsten zur Tür. 
Ingeborg leidet unter PTBS. Die Posttraumatische Belastungsstörung ereilt sehr oft Menschen, die Opfer einer Straftat wurden. 
Sie hatte gedacht, sie hätte sich gut abgesichert. In ihrem Geschäft, das über mehrere Etagen geht, hat sie überall Kameras angebracht, die praktisch alle Winkel einsehen. 
Bei ihren Vorsichtsmaßnahmen hatte sie nur an eins nicht gedacht: 
Was passiert, wenn ich einen Gauner erwische?
Ladendiebe richten bei den Geschäftsleuten der Limburger Altstadt jedes Jahr ganz erhebliche Schäden an. Doch eine viel größere Gefahr geht von den Gangstern aus, die sich mit derlei Kleinkram erst gar nicht abgeben. Skrupellosere Professionelle und auch Beschaffungskriminelle, die überhaupt nichts mehr zu verlieren haben, zielen auf viel lohnendere Beute: Bargeld. Ihnen geht es nicht um eine Tafel Schokolade. Ihnen geht es um die ganze Kasse. Gerne mitgenommen werden bei der Gelegenheit auch Geldbörsen aus den Sozialräumen, bevorzugt mit Kontokarten aller Art, um gleich am nächsten Geldautomaten noch einen draufzusetzen. Die Gestaltung der meisten Läden und der große Publikumsverkehr in der Limburger Altstadt bieten für diese Kassengreifer ein ideales Betätigungsfeld. Die Geschäftsfrauen, die oft genug alleine sind, müssen nur mit einem Kunden beschäftigt und abgelenkt sein – und schon schlägt der Täter zu. Die gewerblichen Unternehmer in Sachen Eigentumstransfer lassen sich dabei von Registrierkassen nicht weiter aufhalten. Sie kennen die Tastenkombinationen und auch die Notöffnungshebel aller Modelle. Wenn die Kasse erstmal klingelt, ist es bereits zu spät. Ein schneller Griff in die Scheinfächer und die Tageseinnahmen sind weg. Meistens kundschaften die Reiseverbrecher auf einem ersten Rundgang die lohnenden Objekte zunächst aus, um später zuzuschlagen, wenn genug Einnahmen abzugreifen sind. Häufig genug treten sie auch in Gruppen auf, bei denen ein Teil der Bande (meistens lautstark parlierende Weiblichkeit) ablenkt und an verschiedenen Stellen des Ladens nach Beratung/Anprobe/mehr verlangt und so für Verwirrung sorgt. Ist das Geld erst eingesackt, lässt das Interesse der Damen an den Waren dann schlagartig nach. In den letzten Wochen hat so eine Bande gleich drei Juweliere der Region heimgesucht, mit jeweils riesiger Beute.
Anziehend: Altstadt

Ingeborg ist keiner Bande zum Opfer gefallen. Bei ihr war es ein Alleintäter. Er versteckte sich zunächst in einem Winkel und schlich dann nach oben, was die Inhaberin aber über den Monitor sah. Im oberen Stockwerk hielt er sich nicht mit dem Laden auf, sondern drang gleich in den dort gelegenen Bürobereich ein und fing an zu wühlen.
Ingeborg hatte das Glück, dass zwei Kundinnen in Begleitung ihrer muskulösen Ehegatten waren. Diese eilten ihr zu Hilfe und schnappten sich den diebischen Hänfling im Obergeschoss, der angesichts der massiven Übermacht keinen Widerstand leistete, sondern nur alles abstritt („schhabnixgemacht“).
Ingeborg rief die Polizei. Diese erschien schließlich und nahm den einschlägig bekannten Täter fest. Nach einer Dreiviertelstunde.
Geschlagene 45 Minuten mussten die Geschäftsfrau und ihre mutigen Unterstützer auf obrigkeitliche Hilfe warten. Minuten alleine mit einem unberechenbaren Straftäter, die sich (ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen) anfühlen wie Stunden.
Besonders anziehend: Kasse voll
Das Gesetz schreibt in Hessen für Rettungsdienste eine Hilfsfrist von 10 Minuten vor. Innerhalb dieser Zeit müssen nach dem ersten Alarm Einsatzkräfte vor Ort sein.
Für Straftaten gibt es diese Vorschrift unglaublicherweise nicht! Während der Gesetzgeber keinerlei Probleme hat, dem Rettungswesen, für das praktischerweise Kommunen und Kreise zuständig sind, strenge Vorschriften aufzuerlegen, interessiert sich die hohe Politik für die Sicherheit der Bürger mitnichten. Polizei ist Ländersache und damit ist es am Land Hessen selbst, dafür zu sorgen, dass die Polizei personell und materiell so aufgestellt und ausgestattet ist, dass sie rechtzeitig vor Ort sein kann, wenn Hilfe dringend benötigt wird.
Das ist nicht der Fall. Ingeborgs unendliche Wartezeit ist nicht die Ausnahme, sie ist eher die Regel. Unlängst durfte ein durchgeknaller Junkie sich genau die gleiche Zeit in einem Laden in der Neustadt austoben und alles kurz und klein schlagen, bevor die ersten Uniformierten erschienen.
Sicherheitsbeauftragter der Altstadt
Die Polizei kann für diese untragbaren Zustände nichts. Die Leiter der Direktionen müssen um jeden zusätzliche(n) Mann/Frau kämpfen, ohne dass irgendetwas besser würde. Statt mehr werden es immer weniger Polizisten, die zur Verfügung stehen. Bei ständig wachsenden Bevölkerungszahlen sinkt die Zahl der Kräfte. Konkrete Angaben erhält man selbstredend auf Nachfrage keine. Aber wer die Sicherheitslage der letzten 30 Jahre beobachtet hat, muss feststellen, dass nicht neue Revier eröffnet, sondern immer mehr bestehende geschlossen werden. Immer weniger Vollzugskräfte müssen sich um immer mehr Menschen und Aufgaben in immer größeren Bereichen kümmern.
Wer in Limburg die 110 wählt, hat Glück, wenn er sofort jemanden an den Apparat bekommt. Oft genug muss er (im Lokalkolorit; „Hier werden Sie in Mundart bedient…“) hören: „Guten Taaach. Bitte legen Sie nischt auf. Sie haben dän Notruf der Politsai Limburg erraischt. Sie werden so schnell wie möglisch waider verbunden…“ "Möglich" ist ein sehr dehnbarer Begriff...
Für Ingeborg ist alles noch mal gut gegangen.
Sie hatte Glück. Es stand niemand mit der Axt vor ihr, während sie in der Warteschleife des Notrufs hing. Doch was bleibt, sind die Gedanken: Was wäre gewesen wenn? Wenn gerade niemand im Laden gewesen wäre? Wenn sie den Täter direkt erwischt hätte? Wenn sie ihm bei der Flucht im Weg gestanden hätte? Diese Fragen sind es, die ihr immer noch den Schlaf rauben.
Und nicht nur ihr.
Hiiiiilfeeeeeee!
Die Limburger Altstadt ist ein Idyll für den Tagesbesucher. Aber auch für Bewohner und Geschäftsleute. Unter den Ladeninhaber(innen) der einzelnen Gassen haben sich an den meisten Stellen Freundschaften und Gemeinschaften gebildet. Man trifft sich, man plaudert mit einander und man hat ein Auge auf die anderen. Nur, was tun, im Falle eines Falles? Das ist die große Frage, die sich inzwischen alle stellen. Die Geschäftsfrauen der Altstadt fühlen sich allein gelassen. Niemand sorgt für ihre Sicherheit. Die Polizei ist weit und zeitlich fern. Dazu kommt, dass gerade Ingeborgs Nachbarinnen sich fragen, wie sie im Notfall auf sich aufmerksam machen sollen? Eine Inhaberin versuchte es testweise mit einer Abschreckungssirene, wie man sie Frauen gerne verkauft. Doch das laute Gerät war auf der Straße im allgemeinen Lärm kaum zu hören und schon gar nicht als Hilfeschrei zu identifizieren oder zu orten.
Viele haben ein Pfefferspray neben der Kasse, doch das ist nicht zwingend erreichbar, wenn es gebraucht wird.
Die Frage „Was können wir tun, um uns zu schützen?“ konnte oder wollte ihnen bisher niemand beantworten.
Es bleibt ihnen nur die Hoffnung, „dass nichts passiert“.
Doch die Aussichten sind diesbezüglich eher schlecht.
Dem Beobachter drängt sich der Eindruck auf, dass Limburg ist in den letzten Jahren in den Fokus reisender Gangsterclans geraten ist. Nicht nur Autodiebesbanden haben Stadt und Kreis entdeckt, sondern auch organisierte Laden-Marder-Familien. Da das einzige, was Verbrecher in Limburg abschrecken könnte, ist der Highway-Cop aus Kunststoff ist, der vor einem Laden in der Fleischgasse steht (und der lustigerweise selbst schon mal geklaut wurde…). Also werden die  Banden wiederkommen, wie besagte Juweliersausnehmer gerade bewiesen haben. Je geringer die Gefahr ist, erwischt zu werden, desto attraktiver wird das Ziel, zu dem man gerne zurückkehrt. Und man wird Nichten, Neffen, Tanten und Onkels mitbringen, zum nächsten Beutezug in die Limburger Altstadt…

(Fortsetzung folgt)



Freitag, 3. April 2015

Kriminalitätsreport Limburger Altstadt (Teil 1)



SELBSTBEDIENUNG

Eine Million Menschen besuchen alljährlich die Limburger Altstadt, so man offiziellen Zahlen glauben darf. Sie lassen etwas Geld hier und nehmen dafür ein paar Dinge mit.
Doch eine ganze Reihe von Besuchern greift zu und „vergisst“ dabei das Zahlen.
Vor dem Ansturm
Diebstahl war für die Geschäftsleute der Altstadt immer ein Thema, allerdings nur eines, das im kleinen Kreis bestens bekannt ist, unter Freunden und Kollegen immer wieder erwähnt wird, aber bisher nie den Weg in die Öffentlichkeit fand.
Damit ist nun Schluss.
Erstmals haben sich Betroffene zu Wort gemeldet und offen ausgesprochen, was die politisch Verantwortlichen bisher beharrlich ignorieren: Es gibt in der Limburger Altstadt ganz erhebliche Kriminalitätsprobleme. Alle Geschäftsinhaber in der Altstadt sind regelmäßig Opfer von Dieben. Das ist das Ergebnis meiner ersten, nicht repräsentativen Umfrage unter Ladenbesitzern.
Relativ schwer nachvollziehbar ist dabei der Warenschwund dort, wo Mengen von kleinen Dingen wie abgepackter Tee oder Schokoriegel offen in den Regalen liegen. Waren, die nicht der Inventur unterliegen, werden natürlich nicht einzeln am Abend vermisst. Aber eindeutige Differenzen zwischen Bestand und Einnahmen legen nahe, dass schon in dem Bereich der „Mitbringsel“ gut zugegriffen wird.
Eindeutiger und wesentlich problematischer ist die Lage für Anbieter auf dem Textilsektor. Hier können die Geschäftsinhaber wesentlich leichter feststellen, wenn etwas fehlt – und das ist oft genug der Fall. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Kleiderständer vor den Geschäften, die von den meist sehr tiefen Läden aus schwer zu überwachen sind. Hier ist, gerade bei hochwertiger Kleidung, der Schaden auch gleich erheblich. So verschwanden zum Beispiel innerhalb einer Woche nicht weniger als 5 Designermäntel vom Ständer einer Boutique – mit 4-stelligem Verlust für die Inhaberin.
Klein, teuer, schnell weg
In vielen Textilläden finden sich am Ende des Tages immer wieder die abgeschnittenen Preisschilder in den Umkleiden – ohne dass die zugehörige Ware über die Kasse gegangen wäre.
Nicht weniger gefährdet sind Schmuck, Uhren und generell kleinere, leichter einzusteckende Dinge, die vor Langfingern selbst dann nicht sicher sind, wenn sie in Vitrinen liegen.
Die (in den meisten Fällen) Inhaberinnen können innerhalb der Geschäfte kaum alles im Auge zu behalten. Sobald mehr als eine Handvoll Kunden im Laden ist, wird es schwierig, die oft verwinkelten Läden zu überblicken.
Es ist übrigens ein verbreiteter Irrglaube anzunehmen, die hohe Besucherzahl und damit die Menge der potentiellen Beobachter in den Gassen würde Diebe von ihrem Tun abschrecken. Leider ist das Gegenteil der Fall. Je mehr Menschen zuschauen, desto dreister agieren die Täter. Mehr als einmal fanden Inhaberinnen vollständig ausgezogene Kleiderpuppen am Abend vor ihren Läden. Dutzende Passanten mussten die Tat beobachtet haben, doch keiner sagte einen Ton. Je selbstverständlicher die Diebe agieren, desto größer ist ihre Chance davonzukommen.
Es kommt auch vor, dass Waren längere Zeit gar nicht vermisst werden, wenn sie nicht an exponierter Stelle lagen und ihr Platz dann leer ist. Vor wenigen Wochen ging zum Beispiel die Polizei durch alle in Frage kommenden Läden der Altstadt und präsentierte Kleidung und Schmuck, die sie sichergestellt hatte. Anhand der noch daran hängenden Schilder gab es einen Hinweis auf die Herkunft – und viele der Besitzer waren ziemlich überrascht, ihren Warenbestand in den Händen der Polizisten zu sehen.
Puppen, angezogen. Noch.
Täterin war in diesem Fall eine professionelle Ladendiebin, die im großen Stil bundesweit hochwertige Textilien „einsammelte“. Für solche Berufsverbrecher ist die Limburger Altstadt immer ein lohnendes Ziel.
Aber auch die beiden anderen Klassen von Dieben treiben sich in der Lahnstadt herum. Auf Dinge, die schnell zu „versilbern“ sind, haben es Drogenabhängige abgesehen, die so ihre Sucht finanzieren. Jugendliche Gelegenheitsdiebe und besonders –innen dagegen greifen gerne bei Mode, Schmuck und Kosmetik zu.
Die wenigsten Opfer von Ladendieben in der Altstadt machen sich die Mühe, die Polizei zu rufen. Niemand kommt, um Anzeigen aufzunehmen. Die Betroffenen müssten also zum Offheimer Weg fahren und dort die Tat umständlich zu Protokoll geben, was einen Zeitaufwand darstellt, der meistens in keinem Verhältnis zum Schaden steht. Dazu kommt noch, dass alle wissen, dass sie maximal irgendwann einen Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft bekommen, weil „die Ermittlungen keinen Tatverdacht gegen eine bestimmte Person ergeben haben“. Das ist aber nur ein Zehntel der Wahrheit. Gibt der Anzeigende nicht sehr, sehr konkrete Hinweise auf einen möglichen Dieb, wird erst gar nicht ermittelt, da es sowieso vollkommen aussichtslos ist.
Nur diejenigen, die wirklich erhebliche Werte im Einzelfall verlieren, erstatten prinzipiell Anzeige.
So kommt es, dass die Kriminalstatistik für das Jahr 2014 für den gesamten Bereich der Polizeidirektion Limburg gerade einmal 481 Ladendiebstähle ausweist. In den Erläuterungen zu dem Bericht deutet der Verfasser eine unbekannte Dunkelziffer an. Diese aber ist gigantisch.
Geht man alleine von der Limburger Altstadt aus und nimmt, nach meinen Gesprächen sehr niedrig geschätzt, 20 Fälle von Diebstahl pro Jahr und Laden an, katapultiert dies die Fallzahl in eine beunruhigende, vierstellige Höhe. Dabei handelt es sich bei jedem Einzelfall um einen ungeklärten, der nie in der Statistik auftaucht.
Bei der Verhinderung von Diebstählen in der Altstadt ist die Polizei keine große Hilfe – aber dafür kann sie nichts. Mit minimalem Personalbestand, der ein riesiges Gebiet zu bearbeiten hat, reicht es mit Ach und Krach für eine Fußstreife pro Tag, durch die gesamte Innenstadt. Eine weitere am Abend ist eventuell versprochen. Das heißt aber, dass praktisch den ganzen Tag über keine Präsenz der Staatsgewalt in den Gassen der Altstadt besteht und damit die Abschreckungswirkung auf potentielle Diebe gleich Null ist.
Von der städtischen Hilfspolizei ist auch nicht mehr zu sehen und vom Freiwilligen Polizeidienst muss man gar nicht erst reden.
Reinschauen lohnt sich. Leider auch für Diebe.
Der Führung der Polizei ist das Problem der mangelnden Präsenz bekannt und sie würde nichts lieber tun, als durch eine ständige Anwesenheit von Beamten die Sicherheit zu erhöhen. Am besten wäre ein wenigstens tagsüber besetzter Polizeiposten im Bereich der Innenstadt. Die große Auswahl an leerstehenden Lokalen in der Grabenstraße böte einen idealer Standort. Doch dazu fehlen die Beamten.
Mehr Personal für derlei Aufgaben bekäme die Polizei, wäre die Kriminalstatistik nicht so „gut“. Dass diese die realen Verhältnisse geradezu verzerrt, ist nicht die Schuld der Ermittler. Diese können nur das bearbeiten bzw. statistisch erfassen, was ihnen bekannt wird.
Hier gäbe es einen ersten Schritt zu mehr Sicherheit, den die Inhaber der Geschäfte selbst gehen könnten. Sie müssten unbedingt JEDEN Diebstahl anzeigen, sodass er im Kriminalbericht auftaucht und auf diese Weise die alarmierende Lage auch dokumentiert wird.
Dazu muss ein Bestohlener oder eine Bestohlene nicht mehr die Polizei aufsuchen.
Die wenigsten wissen leider, dass man Taten auch im Internet melden kann.
Auf der Seite https://onlinewache.polizei.hessen.de/ow/Onlinewache/ kann man direkt über ein Formular Strafanzeige erstatten und alle notwendigen Angaben vom Schreibtisch aus machen.
Kurzfristig wird dies an der Lage nicht viel ändern, aber mittelfristig ergibt sich daraus eine Möglichkeit, Verantwortliche mit Hilfe der besorgniserregenden Statistik dazu zu zwingen, endlich aktiv zu werden.
Doch es sind nicht nur die meist unerkannt bleibenden Ladendiebe, die den Geschäftsleuten Sorgen bereiten. 
Besonders unter den Inhaberinnen der kleinen Unternehmen geht die Angst um…

Fortsetzung folgt…